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Tola Korian

Tola Korian, eigentlich Antonina Terlecka, geborene Kopczyńska (23. Januar 1911 in Poznań, gestorben am 3. März 1983 in London) - polnische Schauspielerin, Sängerin und Lehrerin.

Simon Laks über Tola Korian

Als Tola mir zwei der Stücke, die ich für sie komponiert hatte, zum ersten Mal vortrug,
erkannte ich meine eigene Musik buchstäblich nicht wieder. Die Noten waren identisch, die
Begleitung wurde getreu wiedergegeben, aber die Mimik, die Gestik und noch etwas
anderes, zusätzliches, das ich nicht definieren kann, verliehen ihnen eine Farbe, die mir nicht
meinen Intentionen zu entsprechen schien – fremd, weil es so unerwartet war. Mir war nicht
sofort klar, dass dieser interpretatorische „Mehrwert“ dem Lied – oder dem Chanson – einen
bestimmten Ausdruck verlieh, ohne den es auf dem Niveau einer trockenen Aufführung
geblieben wäre, die den Namen Konzert nicht verdiente. (…) In diesem Sinne habe ich nicht
nur gelernt, für sie und später für Künstler gleichen Profils zu komponieren. Gleichzeitig war
es für mich eine exzellente Lehrzeit hinsichtlich des professionellen Umgangs mit
Vokalmusik, die ich bis dahin als eine terra incognita betrachtet hatte, zu der mir der Zugang
versperrt war. Dann schrieb ich einige Lieder, die nicht für Tola bestimmt waren, was der
Ausgangspunkt für ein größer angelegtes Liedschaffen werden sollte. In späteren
Diskussionen und Äußerungen habe ich immer meine Überzeugung zum Ausdruck gebracht,
dass meine Lieder, die polnischen wie die nicht-polnischen, die einzigen Werke sein würden,
die mich überdauern würden. Sollte dies jemals geschehen, dann habe ich es Tola zu
verdanken.
Ich weiß nicht genau, wie viele Lieder und Chansons ich für Tola komponiert habe. Ich
besitze einige Manuskripte, andere sind entweder verschwunden oder wurden nie ins Reine
geschrieben. Die meisten von ihnen wurden auf originale Texte komponiert, aber je nach
Bedarf habe ich auch Harmonisierungen von Volksliedern und Weihnachtsliedern
vorgenommen, auch Gelegenheitskompositionen gehörten dazu.
Innerhalb dieses recht umfangreichen Materials mochte Tola einige Nummern besonders
gerne, die sie als ihre „Hits“ betrachtete, und die sie häufig in Konzerten sowohl in
Frankreich als auch in vielen anderen Ländern aufführte. Sie schreckte nicht davor zurück,
auch inhaltlich wie musikalisch „schwierigere“ Lieder vorzutragen, wie z. B. Balińskis
L’Évangile des bienheureux/Das Evangelium der Glückseligen, das von einer tiefen
Religiosität durchdrungen ist, oder Audibertis Mon Général/Mein General, ein bewegendes
Melodram gegen den Krieg, sowie die unbekümmerten Petite valse/Kleiner Walzer und
Dédé le rêveur/ Dyzio der Träumer von Tuwim, um sich im nächsten Augenblick ohne
Vorbereitung in das makabre Les Héritiers/Die Erben von Gaston Coûté zu stürzen, wo der
Protagonist den Tod seines älteren Cousins, den er beerben wird, nicht abwarten kann und
ihn tötet.. (…)
Tola [war] nicht nur ein künstlerisches, sondern auch ein sprachliches Phänomen. Sie sang
auf Englisch wie eine Engländerin, auf Französisch wie eine Französin, auf Italienisch wie eine

Italienerin, auf Deutsch wie eine Deutsche, auf Jiddisch, als wäre sie Jüdin. Und ihr
Repertoire hatte durch die Vielfalt ihrer Themen, ihres Stils, ihres Spiels, ihrer Mimik und
ihrer Genres die Vielfalt eines Feuerwerks. Deshalb scheint es mir, dass Tola letzten Endes
vom Schicksal schlecht behandelt wurde. (Ich denke dabei natürlich an die Künstlerin). Dafür
sehe ich mehrere Gründe. (…)
Ich glaube, der einzige Ort, der Tola auf Weltniveau hätte bringen können, wäre die…
deutsche Bühne gewesen. Dies ist natürlich nur meine eigene, persönliche Meinung.
Aber in meinen Augen – und in meinen Ohren – harmonisierte keine Sprache, nicht einmal
die polnische Muttersprache, so perfekt mit Tolas Ausdruck, Ton und Gestik wie die
deutsche. Meiner Meinung nach wäre Tola eine gefeierte Interpretin von Bertolt Brecht,
Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau gewesen. Ich bin nicht in der Lage, dieses
Phänomen zu erklären. Es rührt an die Geheimnisse der Person und des Künstlers.
Ob ich mich irre oder nicht, meine Projektionen blieben im Bereich des Wunschdenkens.
Hitler kam, und praktisch ganz Europa, einschließlich Deutschland und seiner Theater, ging in
Trümmer.

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